Schilfbrand, Traktorunfall und Bootsbergung
120 Feuerwehr-Nachwuchskräfte üben den Ernstfall auf der Insel Reichenau, Realitätsnahe Szenarien so
Bericht: Jürgen Rössler, Südkurier
„Wir kommen gerade vom Hausbrand mit verletzten Personen!“, berichtet der 12-jähige Feuerwehrmann Stephan am Samstagmorgen, während er sich mit einer Butterbrezel in der Zentrale der Reichenauer Feuerwehr stärkt. Doch er und sein Zug haben erst die erste von vier Aufgaben bewältigt, die an diesem Jugendfeuerwehr-Actionday auf der Insel Reichenau auf dem Programm stehen. Denn der stellvertretende Kommandant der Insel-Feuerwehr, Marcus Deggelmann, hat mit seinem Team vier realitätsnahe Szenarien vorbereitet. Und die in vier Züge eingeteilten etwa 120 Nachwuchskräfte der Jugendfeuerwehren des Bodensee-Feuerwehrbundes im Alter von zehn bis zwölf Jahren mussten diese im Laufe des Tages bewältigen.
„Wir üben das schon auch regelmäßig, aber eben nicht so nahe am Ernstfall!“, merkt man der 14-jährige Sophie an, dass ihr das durchaus Spaß macht. Und dabei weiß sie noch gar nicht, was auf sie und ihren international zusammengesetzten Zug im Laufe des Tages noch zukommt. Weiter geht das Gespräch auch nicht, denn ein Einsatz steht an, noch Brezel kauend eilen Stephan, Sophia, der 14-jährigen Dominik mit zwei Dutzend weiteren Mitgliedern der Jugendfeuerwehren aus dem Bodenseeraum zum Einsatzfahrzeug, nicht wissend, welche Aufgabe nun auf sie wartet.
In der Nähe des Yachthafens gilt es einen Schilfbrand, auf der Insel Reichenau und dem angrenzenden Wollmatinger Ried ein Fall, der zumeist öfter im Jahr vorkommt, zu löschen. Schnell sind die Schläuche angeschlossen und es heißt „Wasser marsch!“. Nach und nach sind es eine ganz Reihe von Schläuchen, die in Richtung „Brandherd“ gerichtet sind, in diesem Fall ist es jedoch eine Nebelmaschine, die für einen authentischen Eindruck sorgt und da sich der Nebel langsam verzieht und die Sonne durchbricht, ergibt sich beim Löschvorgang sogar ein Regenbogen. Und der Nachwuchs ist sozusagen mit Feuereifer bei der Sache, wie die Betreuer feststellen, auch wenn noch nicht alles klappt. „Motivation und Adrenalin ist vorhanden!“, stellt einer der 30 Betreuer zufrieden fest.
Zeitgleich versucht ein anderer Zug hinter einem Gewächshaus in Niederzell den Überblick zu gewinnen. Zwei Traktoren sind kollidiert! Eine Person ist eingeklemmt, der Fahrer hat im Schockzustand den Unfallort verlassen und ist zunächst nicht auffindbar und aus einem anderen Fahrzeug tritt Diesel aus. Schnell wird eingeteilt, wer sich auf die Suche nach dem Fahrer macht und diesen gegebenenfalls bergen muss, wer die eingeklemmte Person befreit und wer verhindert, dass Treibstoff ins Abwasser fließt.
Am Löchnerhaus ist es zunächst noch ruhig, zwei Reichenauer Feuerwehrleute warten am Ufer. Zwei Boote liegen dicht am Strand. Dann hört man das Signalhorn und sieht das Blaulicht – die Einsatzfahrzeuge haben diesmal die Erlaubnis, diese auf den letzten Metern auch bei einer Probe einzusetzen, die Bevölkerung ist informiert. Anders ginge das auch gar nicht, denn parallel zum Aktionstag der Jugendfeuerwehren übt auch das THW auf dem Untersee, so dass ansonsten schnell der Eindruck entstehen würde, die Reichenau sei von einer Katastrophe heimgesucht worden bei dieser Vielzahl von Einsatzfahrzeugen, die von 9 bis 16 Uhr auf der Insel unterwegs sind. Am Löchnerhaus geht es darum, bei einem Bootsunfall die passenden Maßnahmen zu ergreifen. Eine Person liegt bewusstlos in einem der beiden Boote, ein Boot muss ausgepumpt und die beiden Boote gesichert werden.
Und die Betreuer an den Stationen berichten, dass da schon einige Züge unheimlich flott arbeiten, bei anderen dauere es eben noch ein wenig. Aber der Aktionstag ist keine Feuerwehrolympiade, es geht gar nicht darum, am Ende der schnellste Zug zu sein, Fehler sind sogar fast eingeplant, denn so können die 30 Betreuer den Nachwuchskräften auf ihrem Weg zum vollwertigen Feuerwehrmann bzw zur Feuerwehrfrau – erstaunlich viele Mädchen sind mit dabei – weiterhelfen. Denn in einigen Jahren wird aus dem Übungseinsatz Ernst und dann müssen die Handgriffe sitzen.
Und da bei größeren Einsätzen mehrere Wehren, zum Teil grenzübergreifen, kooperieren müssen, kann man auch das nicht früh genug lernen. „Jede Feuerwehr hat eine andere Strategie, wie sie in Einsätze vorgeht und da lernen wir dann viel Neues dazu, lernen neue Geräte und Fahrzeugen kennen!“, hat Dominik im Laufe des Tages festgestellt, dass man viel lernen kann bei solch einer internationalen Übung.
Zum Abschluss gibt es bei Sommerwetter ein Gruppenbild an der Hochwart ehe sich die jungen Feuerwehrfrauen und -männer auf den Heimweg an einen der 16 Standorte rund um den Bodensee machen. Und die Organisatoren ziehen ein überaus positives Fazit. „Das war eine absolut erfolgreiche Jugendaktion!“, fasst der Präsident des Bodensee-Feuerwehrbunds, Michael Blender, zusammen und freut sich, dass ein solcher Tag nach sechs Jahren Pause wieder einmal stattgefunden hat. Organisator Marcus Deggelmann blickt zufrieden auf die Fakten: „Die Organisation hat funktioniert, alles hat geklappt und es gab keine echten Unfälle!“
Der Bodensee-Feuerwehrbund
Schon früh lud die Feuerwehr Konstanz andere Wehren rund um den See zu ihrer Hauptprobe ein. Im Jahr 1860 wurde dann in St. Gallen der internationale Bodensee-Feuerwehrbund gegründet. Seit 2019 sind auch die Wehren aus Lichtenstein mit dabei, doch beim Aktionstag des Feuerwehrnachwuchses waren nur Teilnehmer aus Deutschland, Österreich und der Schweiz im Einsatz.
Herzlichen Dank an Jürgen Rössler vom Südkurier, welcher uns den Bericht zur Verfügung gestellt hat.
Als Zuschauer beim BFB-ActionDay waren auch Gäste und interessierte Zuschauer wie Kreisbrandmeister Andreas Egger, Bürgermeister Dr. Wolfgang Zoll und die beiden Kandidaten zur Bürgermeisterwahl Mario Streib und Philipp Stolz mit dabei. An dieser Stelle noch herzlichen Dank an alle die zum Gelingen des Tags beigetragen haben, aber auch an die Reichenauer Bevölkerung für das Verständnis an diesem Tag